„Dauerreisen stillt endlose Neugier. Jeder neue Ort birgt spannende Perspektivwechsel und kreative Impulse für Arbeit und Leben. Doch wenn die Rahmenbedingungen für Geschäfts- und Workation-Reisen nicht stimmen, führt dies schnell zu hohen Belastungen. Studien zeigen die Schattenseiten, aber es gibt auch Methoden um vorzubeugen.“ Claudia Brüggen
Jetlag, kurze Aufenthalte, unbequemes Hotelbett, schlechter Schlaf, Performance-Druck und soziale Instabilität durch häufiges Reisen – es braucht keinen Hellseher, um zu prognostizieren, dass dies für klassische Geschäftsreisende auf Dauer schwierig ist. Andrew Rundle und seine Kollegen bestätigten dies auch in ihrer 2018 veröffentlichten Studie: Nach Auswertung der Gesundheits- und Reisedaten von über 18.000 Angestellten nahmen mit steigender Reisefrequenz die Gesundheitsgefahren zu.
Geschäftsreisende, die z. B. drei oder mehr Wochen pro Monat unterwegs waren, bewegten sich weniger, rauchten mehr und hatten deutlich mehr mit Schlafproblemen zu kämpfen als Angestellte, die maximal sechs Tage pro Monat auf Reisen waren. Auch das Risiko für Depressionen und Angstzustände stieg mit der Anzahl der Reisen.
Digitale Nomaden bzw. Workation-Reisende sehen sich meist mit anderen Herausforderungen des Langzeitreisens konfrontiert als klassische Geschäftsreisende. Ständige Ortswechsel begünstigen flüchtige Kontakte mit fehlender Tiefe. Zudem sind emotionale Kompetenz und gute Kommunikation gefragt, um die Verbindung mit daheimgebliebenen Freunden und Familie aufrechtzuerhalten.
Die oft fehlende emotionale Kontinuität kann Einsamkeit begünstigen. Wer zudem da arbeitet, wo andere Urlaub machen, setzt sich dem Risiko aus, dass Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit weiter verschwimmen. Man vergisst, Urlaub zu nehmen, sich klare Auszeiten zur Erholung einzuräumen und ist am Ende weder bei der Arbeit noch in der Freizeit wirklich präsent. Auch emotionale Erschöpfung durch permanente Anpassung an neue Umgebungen kann sich negativ auswirken.
Bei Dauerreisen Chancen überwiegen lassen
Studien, wie, die von Ye und Xu aus dem Jahr 2020, zeigen, dass die Rahmenbedingungen und individuelle Faktoren bestimmen, ob beim Dauerreisen positive oder negative Faktoren überwiegen. Dazu zählen soziale und psychische Ressourcen wie Resilienz, Stressbewältigungsstrategien, der Zugang zu Bleisure und die Kenntnis der eigenen Bedürfnisse. Nur wer sich seiner Stressfaktoren, Grenzen und Schwachstellen bewusst ist, kann diese angemessen in der Reiseplanung berücksichtigen. Denn die Vorteile von Dienst- und Workation-Reisen bleiben: Viele Geschäftsreisende profitieren vom Karriere-Boost, von Lernerfahrungen und neuen Perspektiven durch das Ausbrechen aus der Alltagsroutine.
Für digitale Nomaden stehen Themen wie mehr Freiheit, Selbstbestimmung, persönliches Wachstum und Lebensqualität im Vordergrund. Damit die positiven Aspekte überwiegen, ist es wichtig, mögliche Risiken proaktiv zu managen (s. Kasten). Davon profitiert man dann nicht nur auf Reisen, sondern auch im Alltag.
Tipps für den entspannteren Geschäftsreise- / Workation-Alltag
Für Workation-Reisende / digitale Nomaden, die ständig unterwegs sind, ist soziale Stabilität entscheidend. Langzeitaufenthalte von mindestens ein bis drei Monaten und eine sogenannte „Third Base“ helfen dabei. Ob ein spezielles Café oder ein Co-Living Space – der Third Space ist ein Ort, an dem sich Nomaden regelmäßig treffen können, Freundschaften vor Ort schließen. So entfällt der Stress des ständigen Neuankommens, und es lassen sich Routinen und vertraute Strukturen etablieren – ein echter mentaler Entlastungsfaktor. Denn wer ständig an neuen Orten lebt, braucht ein besonderes soziales Skillset. Ehrlichkeit, Authentizität und die Fähigkeit, schnell Vertrauen aufzubauen, werden zu Schlüsselfaktoren. Gleichzeitig müssen Nomaden lernen, Beziehungen über Distanz zu pflegen, ob mit neuen Freunden oder der Familie zu Hause.
Wer diese Fähigkeiten beherrscht, gewinnt nicht nur stabile Freundschaften, sondern entwickelt auch mehr Kommunikationsgeschick, Empathie und emotionale Resilienz.
Bei klassischen Geschäftsreisen überwiegen oft physische Belastungen wie schlechter Schlaf und Verspannungen. Bewährte kleine Hilfsmittel sind hier u.a. eigene Reisekissen, Ohrstöpsel, ein Duftspray für vertraute Momente oder ein Faszienball. Die App Timeshifter Jet Lag z. B. hilft Geschäftsreisenden, ihren inneren Rhythmus schneller an die neue Zeitzone anzupassen, indem sie personalisierte Pläne erstellt. Diese basieren auf dem individuellen Schlafrhythmus, der Reisedestination und dem Chronotyp, also den verschiedenen biologisch bedingten Ausprägungen des Schlaf-Wach-Rhythmus.
Und auch der Arbeitgeber kann bei seinen Angestellten für entspannte Rahmenbedingungen sorgen: durch Begrenzung von Tagestrips, Obergrenze an Reisetagen pro Monat, klare Erreichbarkeitsregeln und Puffer zwischen Meetings, Ermöglichen von Bleisure-Aufenthalten, Coaching & Kursangebote sowie durch ein Komfortbudget für Langstreckenflüge oder Hotels mit Fitness- und Wellnessangeboten.
Claudia Brüggen …

… ist Reisejournalistin, Illustratorin und Texterin mit Schwerpunkt Psychologie und Gesundheit.
Seit 2018 lebt und arbeitet sie ortsunabhängig und verbringt einen großen Teil des Jahres auf Reisen.
Foto: © Designed with Firefly, Brüggen



