Die Themen Remote Work, Bleisure und Workation professionalisieren sich aktuell mehr denn je. Verbände widmen ihnen neue Wissensplattformen und Summits.
Die Wissenschaft entwickelt einen Monitor. Und die Unternehmen möchten umsetzbare Regelungen. Über wachsende Strukturen und zu schließende Lücken.
Sylvie Konzack
Nicht wenige dürften überrascht gewesen sein, als vor zwei Jahren die DZT (Deutsche Zentrale für Tourismus) und das GCB (German Convention Bureau) besonders starke Zahlen zur Bleisure-Nachfrage und Ausgabebereitschaft von Kongressreisenden aus dem Ausland veröffentlicht hatten (s. auch Interview S. 16 f.). Nach dem Meeting, der Tagung und dem Event noch länger im Land zu bleiben, das wird für viele Business Traveller offenbar zur dauerhaften Option.
Arbeitgeber wiederum, die den Rahmen dafür schaffen, sind attraktiver, und Touristiker freuen sich, mehr Gäste zu generieren – auch mit dem Thema Workation. Viel Win-Win, das seit Jahren Kopfnicken erzeugt. Etliche Seiten müssen die Themen aber auch zusammen fundiert weiterentwickeln. Denn was auf den ersten Blick „modern und unkompliziert“ klingt, erweist sich in der Praxis „schnell als komplex“, betont u. a. Chefsache Business Travel, eine Initiative der Travel Management Companies im Deutschen Reiseverband (DRV). Und dann ist da auch die Skepsis einiger Unternehmen, dass Bleisure mehr Leisure bedeutet, also mehr Urlaub als Arbeit. Dabei geht es darum, dass beide Elemente addiert werden, um mehr als die Summe der Einzelteile zu erhalten – als Arbeits- und Reise-Konzepte der Zukunft.
Mehr hybride Konzepte
Inzwischen haben sich deutlich mehr übereinstimmende Begriffserklärungen durchgesetzt. Bleisure, Workation, Coworkation – all dies wird von Wissenschaft, Verbänden und Medien klarer kommuniziert. „Coworkation ist dabei ein spezialisierter Begriff aus der Arbeitswelt und meint, dass in einer bestehenden oder neuen Gruppe Arbeit und Urlaubslocation verbunden werden. Der Mehrwert liegt im Co: Abseits vom normalen Arbeitsplatz kann in der Natur etc. gemeinsam besser und kreativer gearbeitet werden“, so Veronika Engel, Vorstandsvorsitzende von
CoworkationALPS e.V. und Regionalmanagerin bei REO Oberland KU, bei einem Workation-Fach-Panel in München im Oktober. Die Coworkation-Anbieterin Julia Staudinger zeigte dort auf, wie sie aus einem Allgäuer Bauernhof die d’Kammer initiert hat und mittlerweile namhafte Firmen für Coworkation-Stunden oder -Tage anzieht.
Spezialisierte Anbieter wie sie sind auch Thema des „Bleisure & Workation Monitor Deutschland“, den 2025 die Professoren Andreas Zimmer, Peter Neumann und Sven Pastowski von der IU Internationalen Hochschule aufgesetzt haben. Das Forschungsteam hat gerade erste Ergebnisse veröffentlicht, wonach Bleisure in der touristischen Praxis bereits deutlich weiter verbreitet ist als bislang angenommen. Zwei von drei Betrieben geben an, Gäste im Haus gehabt zu haben, die Bleisure oder Workation in Anspruch nahmen. Insgesamt sei beides aber noch nicht systematisch auf Angebotsseite verankert.


Klare Produktstrukturen und konsistente Vermarktungsansätze befänden sich vielfach erst im Aufbau. Zugleich, so ein weiteres Ergebnis, spielen Akteure wie Destinations-Managementorganisationen (DMO) oder Convention Bureaus bislang nur eine untergeordnete Rolle – obwohl knapp 70 Prozent der befragten Beherbergungsbetriebe davon ausgehen, dass ohne lokale Netzwerke und koordinierte Ansätze kein nachhaltiger Markt entstehen kann. „Ein klares Potenzial, das hier auf der Straße liegt“, ist Andreas Zimmer überzeugt und verweist auf DMOs wie Rheinland-Pfalz oder Städte wie Düsseldorf, die schon erfolgreich explizite Messe-Kombi-Angebote stricken.
Auch die Tourismusmarketing-Organisation des Bundeslands Brandenburg verfügt bereits über einige Bleisure- und Workation-Erfahrungen, die zu modifizierten Strategien geführt haben: So sind in den letzten zwei, drei Jahren neue Betriebe und Konzepte entstanden, die das Zusammenspiel von Arbeit, Erholung und Natur gezielt aufnehmen, oft mit Fokus auf Aufenthaltsqualität, Design, Rückzug und besondere Orte (Nook Bad Saarow, Teupitz, 360 Grad etc.). Gleichzeitig werden inzwischen Workation- oder Bleisure-Konzepte nicht mehr isoliert entwickelt, sondern als hybride Modelle verstanden, weil sie wirtschaftlich erfolgreicher sind. „Ziel ist es, tragfähige, marktnah entwickelte Angebote zu unterstützen, weniger einen kurzfristigen Trend zu bedienen“, so ein Sprecher der DMO von Brandenburg.
Wie kommt dies alles nun zusammen? Gerade hat der GCB mit dem Geschäftsreiseverband VDR die Initiative Blend_it! als zentrale Plattform für Blended Travel gegründet. Gemeinsam wollen beide hier Wissen, Forschung, Praxis und ein Netzwerk von Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Tourismus zusammenbringen. (mehr dazu im Interview auf Seite 16f).
Für Experten wie Andreas Zimmer der richtige Weg. „Allen sollte aber auch klar sein, dass man sich bei dem Thema nicht nur auf Zahlen aus der Vergangenheit stützen sollte”, sagt er. „Wir bewegen uns in einem Pioniermarkt. Da gilt es auch, Dinge lustvoll auszu-probieren, Innovation zuzulassen und eine Vision zu entwickeln.“
Sylvie Konzack …

… findet das gewachsene Engagement für mehr Professionalisierung im Bereich Bleisure und Workation großartig. Sie hofft, dass sich alle die Innovationskraft bewahren und nicht zu sehr im Klein-Klein versinken werden.
Foto: © iStock.com/jacoblund, Kai Böcking, IU Internationale Hochschule



