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„Mit Euch Frauen können wir nicht mithalten”

„2014 gründete Maha Shirah ,SheWorks’, den ersten Coworking Space und Business-Inkubator für Frauen in Saudi-Arabien. Im Interview erzählt sie, wie sich die Gesellschaft und Arbeitswelt in Saudi-Arabien verändern, welche Träume sie antreiben – und warum sie SheWorks inzwischen geschlossen hat und das Konzept neu ausrichtet.“ Annika Brohm, Journalistin

Maha, Saudi-Arabien hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und geöffnet. Wie hast du Deine Kindheit und Jugend in dem Königreich erlebt – vor den gesellschaftlichen Reformen?

Ich bin in der Hauptstadt Riad geboren und aufgewachsen. Damals war noch alles strikt nach Geschlechtern getrennt: Wir besuchten reine Mädchenschulen und Universitäten. Männer und Frauen durften nicht zusammen in einem Raum arbeiten, mit wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel in Krankenhäusern. Selbst in Restaurants gab es eine Geschlechtertrennung. Es gab den Single-Bereich für alleinstehende Männer und einen separaten Bereich für Familien und Frauen.

Welche Rolle haben Frauen damals auf dem Arbeitsmarkt gespielt?

Lange Zeit waren wir von vielen Bereichen der Arbeitswelt ausgeschlossen. Um zum Beispiel in Fabriken arbeiten zu dürfen, brauchten wir die Zustimmung unseres männlichen Vormunds, in der Regel des Ehemanns oder Vaters. Das lag nicht daran, dass wir Frauen für diese Arbeit nicht qualifiziert waren. Vielmehr fühlten sich die meisten männlichen Vormünder nicht wohl dabei, ihre Frauen in einem gemischten Umfeld arbeiten zu sehen. Sie waren es nicht gewohnt, insbesondere Männer aus traditionellen Familien. 
Im Jahr 2005 erklärte König Abdullah dann, dass Frauen von nun an in allen Branchen ohne Erlaubnis arbeiten dürfen. Das war der Anfang. Zehn Jahre später hat die Regierung die Geschlechtertrennung schrittweise aufgehoben. Danach hat sich für uns alles verändert. Frauen dürfen nun Auto fahren, frei reisen, Unternehmen gründen.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, den ersten Coworking Space für Frauen in Saudi-Arabien zu schaffen?

Vor etwa zehn Jahren war ich selbst auf der Suche nach einem Coworking Space. Im ganzen Land gab es zu dieser Zeit nur drei oder vier davon. Alle waren für Männer und wurden von Männern geleitet. Sie hatten Angst, mir als Frau einen Platz zu vermieten.
Also habe ich 2014 SheWorks eröffnet und damit einen Raum für Frauen geschaffen. Auf Monatsbasis konnten sie einen Büroplatz bei mir mieten. Außerdem fanden regelmäßig Workshops und Events zu den verschiedensten Business-Themen statt. 
Ein Jahr später wurde die Geschlechtertrennung aufgehoben. Aber solche Veränderungen sind natürlich ein Prozess. Ich habe gemerkt, dass die Frauen es nach wie vor zu schätzen wissen, wenn sie einen Raum ganz für sich allein haben. Bei SheWorks konnten sie sie selbst sein und ihre Abayas, Niqabs oder Hijabs ablegen. Weil wir uns sehen und frei sprechen konnten, konnten wir ein Netzwerk und eine Gemeinschaft aufbauen. Es gab keine Grenzen mit Blick auf die Branche, das Alter oder die Herkunft. Saudis waren genauso Teil der Gemeinschaft wie Menschen aus dem Ausland. Was uns verband, war die Liebe zum Unternehmertum.

Mit der „Vision 2030“ hat sich das Königshaus unter anderem zum Ziel gesetzt, Frauen in der Arbeitswelt zu stärken. Hat die Regierung Dich unterstützt?

Im Jahr 2014 noch nicht, da steckte das Business-Ökosystem in Saudi-Arabien noch in den Kinderschuhen. Nur wenige wussten, was ein Start-up ist, und selbst die Regierung schenkte dem Thema wenig Aufmerksamkeit. Die Vision 2030 stellte das Königshaus erst zwei Jahre später vor. Damit begann eine neue Ära für die Arbeitswelt: Kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-ups sind stärker in den Fokus gerückt. Davon habe ich allerdings nicht profitiert. Mein größter Fluch war, dass ich auf den Markt gegangen bin, als das Konzept noch neu war. Ich war eine der ersten, die die Verbraucher aufgeklärt hat: Was ist ein Coworking Space, was ist ein Inkubator (eine Einrichtung, die das Gründen und Wachsen kleiner oder mittlerer Unternehmen fördert, Anm. d. Redaktion)? Selbst die Investoren, die sich für unsere Arbeit interessierten, haben das anfangs nicht verstanden.

Gleichzeitig mussten wir mit all den Veränderungen und neuen Vorschriften in Saudi-Arabien Schritt halten. Ich habe Experten aus verschiedenen Branchen eingeladen, Workshops bei SheWorks zu geben und die Frauen mit ins Boot zu holen. Wie sieht die Vision 2030 aus, was wird der nächste Trend sein? Was können wir tun und mit wem können wir sprechen, um davon zu profitieren?

Die Resonanz auf SheWorks war positiv, das Konzept erhielt internationale Anerkennung. Warum hast Du den Coworking Space wieder geschlossen?

Corona hat mich hart getroffen. Während der Lockdown-Zeit musste ich die Miete für die Räume weiterzahlen. Gleichzeitig musste ich meinen Kundinnen ihre Beiträge zurückerstatten und alle Workshops und Aktivitäten canceln. Wir hatten zum Beispiel einige Programme mit Universitäten geplant. Mein Fehler zu diesem Zeitpunkt war, dass ich meinen Coworking Space und Inkubator nicht in einen digitalen Raum übertragen konnte. Es ist schwierig, etwas Greifbares mit menschlichen Emotionen und Interaktionen in etwas Digitales umzuwandeln. Ich habe es versucht. Es hat nicht funktioniert.


Zur Person

Maha Shirah, geboren und aufgewachsen in der saudischen Hauptstadt Riad, ist Unternehmerin und Mutter von zwei Söhnen. Sie hat Universitätsabschlüsse in Englisch-Arabischer Übersetzung und Finanzwissenschaften sowie ein Fotografie-Diplom.
Im Jahr 2014 gründete sie SheWorks, einen Coworking Space und Business Inkubator für Frauen in Riad. Seitdem hat sie sich als Mentorin und Beraterin für Unternehmer, Freiberufler und Existenzgründer einen Namen gemacht – sowohl für Frauen als auch für Männer. Derzeit gibt sie unter anderem Workshops an Universitäten und betreibt einen Schönheitssalon.


Wie soll es weitergehen mit dem Unternehmen?

Ich möchte SheWorks zurückbringen, diesmal aber auf eine andere Art und Weise. Denn wie gesagt, das ganze Öko-System hat sich verändert. Das Netzwerk und die Beziehungen habe ich immer noch. Jetzt habe ich Investoren gefunden, die mit mir zusammenarbeiten wollen. 
In Zukunft wird der Inkubator Männern und Frauen offenstehen. Bis heute kommen Menschen zu mir, die in Saudi-Arabien ein Unternehmen gründen wollen. Viele sind Expats aus Branchen wie Kultur, Energie oder Tourismus. Um ihnen den Start zu erleichtern, möchte ich einen Business Accelerator schaffen. Viele Dienstleistungen, zum Beispiel in Behörden, werden nur auf Arabisch angeboten. Die Prozesse sind teilweise selbst für uns Einheimische kompliziert. Ganz zu schweigen von Leuten, die von außerhalb kommen und die Sprache nicht sprechen.

Das Konzept ist neu, der Name SheWorks soll bleiben – warum?

SheWorks bleibt eine Initiative zur Stärkung der Frauen. Mit Workshops und Veranstaltungen wollen wir ihnen helfen, die Businesswelt besser zu verstehen. Frauen gründen nicht nur, um Geld zu verdienen. Sie wollen etwas in der Gesellschaft bewirken und sozial Einfluss nehmen. Wenn unsere Kinder uns eines Tages fragen, wofür wir so hart gearbeitet haben, wollen wir sagen können: Ich habe geholfen, etwas in der Gemeinschaft zu verbessern und deine Zukunft vorzubereiten. Ich war Teil der Vision 2030, die Du jetzt lebst.

Was sind die gängigsten Klischees über Saudi-Arabien, denen du im Alltag begegnest?

Die meisten Vorurteile haben mit meinem Aussehen zu tun, mit meiner Bildung, mit meiner Freiheit: Darf ich als Frau dies oder jenes tun oder nicht? Habe ich ein Bankkonto? Brauche ich die Erlaubnis meines Mannes, um zu arbeiten, zu reisen oder zu studieren? Muss ich mein Gesicht verschleiern? Das sind alles veraltete Stereotype.

Welche Träume und Hoffnungen hast Du für die Frauen in Deinem Heimatland?

Wir brauchen noch mehr Programme, um Frauen zu stärken. Deshalb treibe ich SheWorks weiter voran. Die Regierung hat uns viele Möglichkeiten in die Hand gegeben. Es liegt an uns, sie zu ergreifen. Meine Generation musste sich die Dinge verdienen und sie sich nehmen, manchmal mit Gewalt (lacht).

In dieser neuen Ära ist alles möglich. Wir können ein Geschäft eröffnen, frei reisen und tun, was wir wollen. Zu meiner Zeit war das schwierig. Wir mussten unsere Eltern, unseren Ehemann oder die Regierung überzeugen. Früher dachte die Gesellschaft, die Geschäftswelt sei zu hart für Frauen. Inzwischen sagen viele Männer: Mit Euch Frauen können wir nicht mithalten. Tatsächlich stellen Unternehmen heute mehr Frauen ein, zum Beispiel, weil sie gut in Marketing und PR sind. Aber viele aus der jüngeren Generation brauchen noch einen Schubs. Um sie müssen wir uns mehr kümmern.

Welchen Rat gibst Du Unternehmerinnen mit auf den Weg?

Wenn Du auf Deinem Weg hinfällst und scheiterst, ist das nicht das Ende der Welt. Du kannst weinen, Du kannst wütend sein, Du kannst in Deinem Drama schwelgen. Aber dann musst Du Dich motivieren, wieder aufzustehen. Ich musste viele Hürden überwinden und bin oft genug zusammengebrochen. Am nächsten Tag heißt es dann: Yallah – auf geht’s – wir machen uns wieder an die Arbeit. Das Leben geht weiter.


Annika Brohm …

… hatte 2021 ihren Job in Frankfurt gekündigt und pendelt seitdem als Expat und freie Journalistin zwischen dem Süden Afrikas und dem Nahen Osten, immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Auf der Suche nach Coworking Spaces in Saudi-Arabien stieß sie auf Maha Shirah und SheWorks – und war sofort von dem Konzept begeistert.

 

Fotos: © SheWorks, Annika Brohm

 

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